Einführung

Während in dem 12. Hefte der von der Gesellschaft für Vorgeschichte und Geschichte der Oberlausitz herausgegebenen Oberlausitzer Heimatstudien „Die mittelalterlichen Befestigungsanlagen der Stadt Bautzen und die Gründe für ihren teilweisen Abbruch“ behandelt wurden, war im 14. Heft der Heimatstudien von „Bautzens wehrhafter Bürgerschaft im Mittelalter“ die Rede. Es führte uns die Wehrverhältnisse bis zum Pönfalle der lausitzischen Städte im Jahre 1547 vor Augen, jenem berüchtigten Strafverfahren, durch das Kaiser Ferdinand die Bürgerschaft der Städte nicht nur wirtschaftlich aufs schwerste schädigte, sondern auch ihre stolze Wehrmacht zerschlug.

In Weiterführung des Gedankens soll nun gezeigt werden, wie die Bürgerschaft Bautzens in den ihr gezogenen Grenzen sich bemühte, wieder wehrhaft zu werden, um im Notfalle Haus und Herd verteidigen zu können.

Unsere Schwesterstadt Görlitz besitzt in der von Professor Dr. R. Jecht verfaßten Arbeit: „Aus der Geschichte der Görlitzer Schützengesellschaft“, abgedruckt im Neuen Lausitzer Magazin, Band 91, Seite 1 - 100 (N. L. M. 91), eine auf reiches Urkundenmaterial, das bis 1409, bez. bis 1393 (cod. III. 233) zurückreicht, gegründete Darstellung des Schützenwesens dieser Stadt.
Für Bautzen eine ähnliche Arbeit zustande zu bringen, dürfte kaum möglich sein. Fast sämtliche Schützenurkunden Bautzens sind durch den großen Stadtbrand im Jahre 1634 vernichtet worden. Was dann wieder aufgezeichnet wurde, ging bei dem großen Brande im Jahre 1709, dem auch das Schießhaus im Graben zum Opfer fiel, meist verloren. Die wenigen nach dem Brande gesammelten Blätter, von denen zwei Blätter aus den Jahren 1630 und 1667 vom Feuer stark angegriffen sind, wurden in dem Aktenstücke Rep. VII. Sect. II f. 5 zusammengebunden. Zum Glück ist damals die große Schützenlade nicht mit verbrannt, wohl deshalb, weil der Schützenbote seiner Dienstordnung gemäß gehandelt hat, die Schützenlade beim Ausbruch eines Feuers unversäumt vom Schießhause im Lauenzwinger nach der Alten Wasserkunst zu tragen (f. 6. Bl. 4 und 5).
Bei näherer Untersuchung der Lade fanden sich in ihrem Geheimfache eine Anzahl für uns sehr wichtige, in Vergessenheit geratene Schriftstücke, unter anderem die Abschrift der „Begnadigung“ Kaiser Rudolfs II. aus dem Jahre 1578 und die Original-Urkunde der „Begnadigung“ des Kurfürsten Johann Georg II. aus dem Jahre 1657, ferner die Schützenartikel von 1666 und 1681, sowie Abschriften der Schützenartikel von 1577 und 1583 in einer Sammlung alter Urkunden auf 5 Folioblättern von dem bedeutendsten Chronisten unserer Stadt, dem Stadtfeldwebel und Schützenältesten Kupferschmied Karl Friedrich Techell, dessen wertvolle zehnbändige geschriebene Stadtgeschichte uns leider verloren gegangen ist.
Auf Grund dieser Schriften, sowie auf Grund der Erinnerungen, die die Schützenältesten da und dort in den Akten zum Ausdruck bringen, ferner eines handschriftlichen Abrisses über das Bautzener Schützenwesen, ebenfalls von Techell, mehrerer geschriebener Stadtchroniken in der Stadtbücherei und der gedruckten von Böhland (B), Wilcke (W) und Reymann (Rm) ist es möglich gewesen, das nachstehende Gesamtbild zu entwerfen. Die Ratsakten über das Schützenwesen und die Bürgerwehren beginnen erst im Jahre 1709. Durch das freundliche Entgegenkommen des Stadtrates wurde mir das gesamte Material zur Verfügung gestellt, wofür ich an dieser Stelle den ergebensten Dank ausspreche. Da die Schützensachen in den Ratsakten sämtlich unter Repertorium VII, Section II laufen, wird bei Hinweisen auf Ratsakten im Texte nur der Buchstabe, die Nummer und das betreffende Blatt in Klammer eingefügt werden.

Auch wurde es als angängig erachtet, für die Zeit vor 1709 gewisse Verhältnisse beim Görlitzer Schützenwesen auf die der Stadt Bautzen zu übertragen, da beide Städte vor ihrer politischen Trennung im Jahre 1815 in engem, schwesterlichen Verhältnisse zueinander gestanden haben.

Die dem Texte beigefügten Bilder fanden sich teils in den Ratsakten eingeheftet, teils in alte Chroniken eingeklebt, teils im Stadtmuseum oder im Privatbesitz. Das Ministerium des Innern stellte gleichfalls einige Bilder aus „Bau- und Kunstdenkmäler Sachsens“, 33. Heft: Bautzen-Stadt von Cornelius Gurlitt in dankenswerter Weise zur Verfügung.

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Die freiwilligen Bürgerschützen und die Harnischschützen

Nach dem Pönfall 1547 bestand die Verpflichtung für sämtliche Bürger, die Stadt im Kriegsfalle zu verteidigen, sowie an den regelmäßigen wöchentlichen Waffenübungen und an den auswärtigen kriegerischen Unternehmungen, für die allerdings meist Söldner verwendet wurden, teilzunehmen, weiter. Die Stadt war zu diesem Zwecke seit Alters in 4 Verteidigungsbezirke geteilt worden und ist es geblieben bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, nämlich das Reichen-, Lauen-, Ortenburger- oder Irrenberger- und Wendische Viertel. Zum Reichenviertel gehörten die Nummern 1 - 58 der inneren und 191 - 311 der Vorstadt, zum Lauenviertel die Nummern 59 - 130 der inneren und 312 - 454 der Vorstadt, zum Ortenburger- oder Irrenberger-Viertel die Nummern 131 - 204 der inneren und 1 - 94 der Vorstadt, zum Wendischen Viertel die Nummern 205 - 269 der inneren und 95 - 190 der Vorstadt, sowie 455 - 522 der Fischervorstadt. Die unansässigen Bürger, die Inquiliner hießen, blieben dauernd dem Viertel zugeteilt, in dem sie an dem Tage ihrer Bürgerverpflichtung wohnten (Schützen-Ordn. von 1836 § 9). Jedem Viertel waren ein Stadthauptmann oder Viertelsmeister, ein Leutnant und ein oder mehrere Rottenmeister, ebenfalls Bürger des betreffenden Viertels, vorgesetzt. Jedes Viertel führte eine Fahne. (Vergl.: Bautzens wehrhafte Bürgerschaft im Mittelalter, S. 10.)

In der Zeit nach dem Pönfalle aber trat es zutage – und es war nicht verwunderlich - , daß bei vielen Bürgern, besonders aus dem Handwerkerstande, eine gedrückte Stimmung, eine Unlust für militärische Betätigung Platz griff. Vergegenwärtigen wir uns nur, was seit dem Pönfalle anders geworden war: Die freiwillige Ratskür war aufgehoben, das Stadtvermögen zum größten Teile beschlagnahmt, die Geschütze und Bürgerwaffen waren weggeführt, die Zünfte mit Ausnahme der Fleischerzunft aufgelöst, und durch Vernichtung der alten Rechte und Freiheiten war den Zünften die Möglichkeit eines Wiederaufstieges beinahe abgeschnitten. Die Stadt befand sich in ähnlichen Verhältnissen wie das Deutsche Reich nach dem Versailler Vertrage. Diese Krisis zu überwinden, erforderte viele Jahre.

Wohl hatte es sich der Stadtrat angelegen sein lassen, daß die Bürger wieder in den Besitz von Rüstungen, das sind Armbrüste mit Spanner und Pfeilköcher, sowie von Musketen kamen, aber viele unterließen es, sich im Gebrauche dieser Waffen zu üben, und an den pflichtmäßigen Schießen nahmen immer weniger teil.

Aber es gab auch viele, die einsahen, daß eine waffengeübte, wohldisziplinierte Bürgerschaft gar sehr vonnöten sei, um „im Falle der eindringenden Not dem Feinde in tapferer Gegenwehr zu begegnen und das Vaterland sowohl, als sich selbst und die Ihrigen mit göttlichem Beistande vor feindlichem Einfalle desto männlicher beschützen zu können, zumalen dergleichen Uebung bei der hiesigen Bürgerschaft hoch vonnöten, indem diese liebe Stadt als die Hauptstadt des Markgrafentums bei einfallenden Kriegsläufen (wovor uns doch der höchste Gott in Gnaden verschonen wolle), wie die Begebnisse voriger Kriegszeiten bezeugen, jederzeit den meisten feindlichen Einfall zu befürchten habe“ (f. 5 Bl. 2 vom Jahre 1667).

Diese so gesinnten Bürger schlossen sich um 1550, vielleicht auch schon früher, zu einem freien Verbande zusammen, für den in den Ratsakten die Bezeichnungen Schützengesellschaft (f. 5 Bl. 2), Schützenbrüderschaft (f. 10 Bl. 1) und Freiwillige Schützenkompanie (f. 6 Bl. 23) vorkommen, die letztere Bezeichnung am häufigsten. Dieser Verband bildete nicht eine von der übrigen Bürgerschaft abgesonderte Schützengilde, wie in Görlitz, Zittau und den meisten Städten – eine solche hat es in Bautzen niemals gegeben –, sondern „die gesamte Bürgerschaft bildete gewissermaßen die Schützengilde und genoß seit uralten Zeiten alle damit verbundenen Privilegien und Beneficien“ (I n. 2 S. 2). Der Verband wollte sich nur der Pflege wehrhaften Sinnes und der Übung mit den Waffen ganz besonders befleißigen. Sie wählten ihre Mitglieder und Führer aus den „besseren Kreisen“ und unterstellten sich freiwillig den von ihnen entworfenen Satzungen.

Der Stadtrat erkannte die Bürgerschützen als gesetzliche bewaffnete Macht an (II c 5. Bl. 15), verpflichtete sie zum Schutze der Stadt und suchte ihr Ansehen auf alle Weise zu heben. Dies geschah, indem er 1577 ihre Schützenartikel bestätigte, indem er angesehene Bürger zu Schützenältesten einsetzte, indem er 2 Ratsmitglieder zu Pflegern und Vorgesetzten der Schützenkompanie bestimmte, ihre Schießen und Preisen aus der Kämmereikasse bedachte, ihnen das Recht zusprach, bei ihren Auszügen die Bürgerstadtfahne zu führen, kurz, indem er das Schützenwesen zu einer städtischen Einrichtung im vollsten Sinne des Wortes erhob (e 5 Bl. 5 und folgende).

Auch die jeweiligen Landesfürsten erwiesen den Bürgerschützen wiederholt ihre Huld und begnadigten sie mit wertvollen Rechten.

Nach der Gründung der freiwilligen Schützenkompanie glaubten viele Handwerker, nunmehr ihrer militärischen Verpflichtungen der Stadt gegenüber ledig zu sein. Aber darin irrten sie sich. Der Stadtrat bedrohte die mit Strafe, die ausblieben, wenn ihr Stadtviertel an der Reihe war, mit der Armbrust oder Muskete im Zwinger zu schießen. Man nannte diese Zwangsschützen „Harnischschützen“ (f. 5 Bl. 3) und bezeichnete die Dienstjahre als „im Harnisch stehen“. Drei Jahre dauerte für jeden jungen Bürger diese Verpflichtung. Ebenso hatten die Innungen gewisse Deputierte zu den Schießen zu stellen, die im Namen ihrer Innung und zu deren Vorteil teilzunehmen hatten (I n Bl. 18).

Im Jahre 1586 bestimmte der Stadtrat weiterhin, daß alle ansässigen und unansässigen Bürger bis zu ihrem 60. Lebensjahre aller vier Jahre, so oft das Viertel, dem sie angehörten, an der Reihe stehe, an dem Schießen um das Königreich (Königsschießen) teilzunehmen und eine Einlage von 12 gr. für die beiden Scheiben zu berichtigen hätten. Auch mußten sie mit der Viertelsfahne am Schützenauszuge teilnehmen (c. 7 Vol. III Bl. 17). Diese letztere Verpflichtung, an dem Auszuge sich zu beteiligen, wurde 1787 aufgehoben.

Die Bestimmungen über das jedesmalige sonntägliche Schießen im Zwinger wurden den Bürgern auf einem Täfelchen bekanntgegeben, das an der Türe der St. Petrikirche hing. Dagegen ereiferte sich der Primarius im Jahre 1701 und erhob Beschwerde beim Konsistorium, sowie auch darüber, daß die Schießen am Sonntage stattfanden. Das Konsistorium aber fand nichts Sündhaftes darin. Um aber allem Streite aus dem Wege zu gehen, ließ der Stadtrat das Täfelchen am Ratskeller anschlagen und verlegte 1722 die wöchentlichen Schießen auf den Montag (f. 4 Bl. 1 – 4 u f. 5 Bl. 3). Ein solcher Anschlag für das Täfelchen fand sich in Akta f. 11b eingelegt. Das Blatt, 40 : 43 Zentimeter groß, ist sehr schön geschrieben, aber sehr beschädigt; die Schlußworte und die Jahreszahl fehlen, das rote Wachssiegel ist abgesplittert. Da es wichtige allgemeine Bestimmungen enthält, sei es hier abgedruckt:

„Nachdem durch Aufrichtung einer besonderen Bürgerkompanie zum Auszuge bei jedesmaliger jährlicher Ausführung der Scheibenkönige und Marschälle die derzeitige Einrichtung, nach welcher die Bürger des Stadtviertels, welches die Reihe trifft, und des Harnisches bei den jährlichen großen Bürgerschießen gegen die gewöhnliche Einlage mitzuschießen verbunden sind, und die Zünfte und Handwerker gewisse Mannschaften dazu zu stellen haben, keineswegs aufgehoben, sondern es dabei sein unveränderliches Bewenden hat, also wird solches hiermit öffentlich bekannt gemacht, damit E. löbl. Bürgerschaft sich hiernach achten, und sowohl diejenigen, welche bei dem Königsschießen mitzuschießen, als diejenigen, welche das wöchentliche Marktschießen zu frequentieren verbunden sind, sich bei sothanen Königs- und Marktschießen . . . mögen.

Decretum in Senatu Bud.”

Wenn es in verschiedenen Absätzen der Schützenartikel von 1577 heißt: „wie vor Alters”, so darf wohl angenommen werden, daß in Bautzen festliche Schießen schon lange vor 1577 abgehalten worden sind. Hier werden die Verhältnisse in unserer Stadt denen von Görlitz entsprochen haben. Jecht weist in seiner Arbeit „Aus der Geschichte des Görlitzer Schützenwesens“ (N. L. M. Bd. 91) nach, daß das erste „Pfingstschießen zu dem Vogel“ im Jahre 1409 stattfand (cod. III. 596) und führt alle die Festschießen auf, die für die Zeit vor der Reformation und für die folgenden Jahrhunderte bis 1706 in den erhalten gebliebenen Urkunden verzeichnet stehen. Er bemerkt, daß in der Zeit der Hussitennot „förmlicher Schießunterricht“ erteilt worden sei (S. 6), und daß schon in den ältesten Zeiten die Schützen mit Preisen in Geld oder in Barchent oder Tuch zur Kleidung (Beingewand), sowie mit reichlichen Bierspenden begabt wurden. In dem Jahrhundert der Reformation sei mit dem Eindringen einer freieren Geistesrichtung auch in die Schützenkreise ein fröhlicherer Sinn eingezogen (S. 8). Die Veranstaltungen der Schützen seien zu eigentlichen Volksfesten für die ganze Stadt geworden, die vornehm und gering, alt und jung, Männer und Frauen, auch wenn sie mit dem Schießen gar nicht in Verbindung standen, mitfeierten. Da man in diesen Zeiten noch kein Schützenhaus hatte, hielt man die gemeinsamen Essen und Trinken in dem geräumigen Brauhofe ab, dessen Besitzer das Schützenbier lieferte (S. 9).

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Die regelmäßigen Schießen im Zwinger und „auf dem Berge“ (Schießbleiche)

Der älteste städtische Schießstand war der Schützenzwinger zwischen dem Inneren Lauentore und der Schützenbastei, dem jetzigen Stadttheater. Der Grund und Boden gehört der Stadt, das dort erbaute Schießhaus aber der Schützenbrüderschaft. Das geht daraus hervor, daß diese das 1709 abgebrannte Schießhaus aus ihren Mitteln wieder aufbaute. Sie verwendeten dazu 4 Dukaten und 4 Taler 32 Groschen aus den erhalten gebliebenen Beständen, ansehnliche freiwillige Beiträge der Mitglieder und ein beim Hospital zum Heiligen Geist aufgenommenes Darlehen. Der Rat lieferte nur eine Quantität Bauholz. „Dieses neue Schießhaus war für die Bürger viel bequemer gelegen und dem Winde nicht so preisgegeben wie das Schießhaus auf dem Berge, hatte auch einen gar luftigen Prospekt, wo die Schützen bei Regen gesichert waren.“ Auch wurde der Kegelschub längs der Stadtmauer wieder hergestellt (f. 6 Bl. 5 – 27). Der Weg zum Schießhause führte durch das Büttelgässel beim Stockhause am inneren Torbogen; die Schießbahn war nach Osten, nach dem alten Gymnasium in der „Bastei bei den Tuchmachern“ gerichtet und 120 Schritte lang.

Dieser Schießstand und das Schießhaus wurden von allen Schützen, den freiwilligen, den vom Harnisch, den aus den Vierteln und Innungen benutzt. Ursprünglich schoß man dort nur mit dem Stahl gegen die Wand (f. 5, 2). „Da aber nach dem großen Kriege von den Rüstungen (Armbrüsten) noch sehr wenige vorhanden, übte man nun auch mit den schweren Hakenbüchsen nach dem Schirme“ (Scheibe), dann mit den leichteren Musketen und endlich sogar mit gezogenen Stutzen, „von denen neuen, schönen, kostbaren Stutzen sich alle mit einander solche angeschaffet und es durch angewendeten Fleiß zu ziemlicher Fertigkeit gebracht, daß sie den anderen Sechsstädten nichts nachgegeben, wie denn auch Sr. Kurf. Durchlaucht (Johann Georg II.) vor langer Zeit (1663) bei der Tafel vorgebracht“ (Urk. von 1667). Auch die junge Bürgerschaft brauchte sie „zum Exercitio“ (f. 5 Bl. 2). Aber im Jahre 1667 beschwerte sich der Rektor Siebilis beim Rate, daß die Kugeln aus gezogenen Büchsen seine Schüler in Gefahr brächten. Deshalb verlegte die Kompanie dieses Schießen auf den schulfreien Donnerstag Nachmittag und auf die Schulferien (Bl. 3) und dann ganz auf den Schießstand auf der Schießbleiche. Nach der Erbauung des neuen Schützenhauses auf der Schießbleiche im Jahre 1767 wurde allmählich der ganze Schießbetrieb dorthin gewiesen. Im Jahre 1823 verpachtete die Kompanie mit Genehmigung des Rates das Schießhaus im Zwinger als öffentliche Tabaki an einen gewissen Letzmann (a 3), 1846 nebst dem dazu gehörigen Gärtchen mit zwölf Obstbäumen, dem Kegelschub und dem ganzen Inventar an den Tuchmacher Sondershausen zunächst für 57, dann für 120 Taler. Dieser erteilte in dem Sälchen der Bürgerjugend Tanzunterricht (a 3. Vol. II, 67). 1852 traten der Tuchfabrikant Truöl und Sohn in den Pachtvertrag mit 182 Taler ein. Am 14. Oktober 1858 wurde der Pachtvertrag aufgehoben, weil der Rat beschlossen hatte, den noch stehen gebliebenen inneren Torbogen des Lauentores nebst dem Ausreiter- und Stockhause abzutragen und den ganzen Platz freizulegen. Das alte Schießhaus wurde zu Gunsten der Schützenkasse für 2000 Taler von der Stadtkämmerei zum Abbruche übernommen, nachdem der Feldbesitzer Melde die darauf ruhende Schankgerechtigkeit für 500 Taler auf sein Haus, Lauengraben 685, hatte übertragen lassen (a 3 Bl. 174).

Das vorstehende Bild zeigt uns den zu einem Rundbogen erweiterten letzten Teil des Inneren Lauentores vor seinem Abbruche im Jahre 1858. Das Bauwerk über dem Tore ist ein Teil des Wehrganges, von dem aus der Lauenturm zugänglich war. Die Türöffnung in den über 2 Meter starken Mauern des Turmes dient jetzt als Alkoven im 2. Stockwerke des Schneiderschen Hauses. Das Bild hat der Maler H. Hermann nach der Natur in Tusche gezeichnet, ebenso stellt eine Gravierung auf einem silbernen Schilde des Königsschmuckes der Adlerscheibe aus dem Jahre 1857 vom Goldschmied C. Reiche das Innere Lauentor in derselben Weise dar.

Über den Betrieb im Schützenzwinger entnehmen wir den Schützenartikeln von 1577, die im Anhange wiedergegeben werden, folgendes: Die von dem Stadtrate bestellten Schützenältesten führten die Aufsicht, ihren Anordnungen war unbedingt nachzukommen, „bei Strafe der Schützenältesten“. An den Sonn– und Festtagen zwischen Ostern und Michaelis wurde nach beendetem Gottesdienste um 11 Uhr die Schießbahn, um 12 Uhr der Schankbetrieb eröffnet. Unbeteiligten war der Zutritt unbedingt verboten. Während des Armbrustschießens durften die Kugelschützen die Schießbahn nicht betreten und umgekehrt. Um 2 Uhr wurde das Stichblatt angesteckt. Der beste Schütze erhielt den vom Stadtrate ausgesetzten Schießpreis, die Mark (damals 28 Groschen 12 Pfennige), auch das Kleinod genannt. Wollte ein Jungschütze um das Kleinod schießen, mußte er vorher eine Quote geben (wahrscheinlich ist eine Bierspende gemeint). Der zweitbeste Schütze gewann den grünen Kranz und die Einlage, die jeder Schütze in Höhe von 6 Pfennigen auf den Kranz zu machen hatte. Wer den Kranz nahm, mußte am nächsten Schießtage wieder einen Kranz stiften. Im Jahre 1652 kam der Brauch auf, dem Schützen statt des Kranzes einen Zinnteller zu verehren. 1699 schloß der Rat mit dem Zinngießer Oehmigen die Zinnlieferung für jährlich 30 Taler ab. Dafür hatte er zu jedem Sonntags- und Kompanieschießen zwei zinnerne gestochene Schüsseln, je 3 Pfund schwer, und den Kranzteller zu liefern (f. 5. Bl. 20).

Anfangs wurde der Schießstand im Zwinger von den Büchsenschützen und Armbrustschützen wechselweise benutzt. Dies führte bei der großen Zahl der Schützen wahrscheinlich zu Mißhelligkeiten zwischen beiden. Deshalb verlegte der Rat den Armbrustschießstand um 1500 in den Nikolaizwinger, der früher die doppelte Breite des jetzigen besaß. Die Röhrscheidtsche und Wilkesche Chronik (S. 155) unterscheiden im Jahre 1504 eine Armbrustschützenbastei und eine Büchsenschützenbastei. Mit ersterer kann nur die Gerberbastei gemeint sein, die auch anderweit in den Akten Schützenbastei heißt (II f. 12 Bl. 4). Um 1660 scheint nur noch recht wenig mit der Armbrust geschossen worden zu sein, deshalb „stiftete Ulrikus Hadamar ein Kapital von 50 Talern, hypothekarisch eingetragen auf dem Bierhofe des Christian Paukwein, Bürgers zu Budissin, zur Erhaltung des Schießens mit dem Stahl im Graben“ (Orig. i. d. Schützenlade).

Im Jahre 1722 wurden die pflichtmäßigen Schießübungen der Bürger vom Sonntag auf den Montag verlegt, der als „blauer Montag“ sowieso als halber Feiertag galt. Ueber den Schießbetrieb auf dem städtischen Schießstande auf der Schießbleiche geben uns die „Annociones“ der Schützenältesten aus dem Jahre 1768 ausführlichen und zuverlässigen Bescheid. Auf eine vom Rate zu Leipzig an den Rat zu Bautzen gerichtete Anfrage über die Schützenverhältnisse unserer Stadt sollten diese Darlegungen als Antwort dienen. Da ihr Inhalt vieles Wissenswerte enthält, sei er im Wortlaute wiedergegeben (Rep VII. Sect. II f. 6).

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Die öffentlichen bürgerlichen sogenannten wöchentlichen Markschießen

  1. Nach einer weit über hundert Jahre üblichen Observanz reichet der Magistrat aus dero Kammer-Revenuen jährlich 20 Mark Görlitzisch, jede zu 18 Gr. 8 Pfg., um welche von denen jungen Bürgern, damit dieselben ein Gewehr traktieren lernen, jeden Montag mit abgewechselten Gewehren dergestalt , daß den ersten Montag nach Ostern aus Musketen, den andern folgenden Montag aus Röhren, welche bei den Gewehren unter den Schützen Artikeln sub. A. Art. spec. 11 allda beschrieben sind, und am dritten Montag aus Stutzen oder gezogenen Röhren geschossen wird (Bl. 2).
  2. Ein jeder tut drei Schüsse, muß aber vorher eine Einlage von 4 Gr. praestizieren, wovon, wie die Tabella sub B beim Markschießen besaget, dergestaltige Geldgewinne gemacht werden, daß inclusive der Mark die Hälfte der Schützen gewinnt, die andere aber leer ausgehet.
  3. Die Scheibe bei den Schießen aus Musketen ist die sogenannte Vogel- oder Adlerscheibe, weil auf derselben ein mit ausgebreiteten und in die Höhe gerichteten Flügeln großer, schwarzer Adler gemalet ist. Bei dem Schießen aus Röhren aber gebraucht man eine ganz schwarze Scheibe mit einem weißen Blatte oder Umriß um das Centrum, welche mit einem 6 Zoll auseinander gezogenen Zirkel ebenso wie in der Adlerscheibe auf des Vogels Brust gemacht ist. Doch hat dieses Blatt inwendig um den Zweck noch einen Circul von 4 Zoll im Durchschnitt, schwarz oder braun gemalet, welches man das Braune nennt (Bl. 3).
  4. Diese beiden Schießgewehre sind inwendig ganz glatt, ohne die geringsten Züge oder Risse; die Schießstände aber bei der Muskete 324 Leipziger Ellen, bei den Röhren hingegen 282 dergl. Ellen von der Scheibe entfernt; jedoch sind die Scheiben im Durchschnitt drei Ellen breit und hoch.
  5. Dieser weite Schießstand und das Schützen-Exercitium auf einem Berge, wo der Wind von allen Himmelsgegenden darüber streichen kann, macht aber auch, daß aus glatten Gewehren nicht alle Schüsse die Scheibe halten, dahero dann sowohl bei den Markschießen, als bei dem ordentlichen Königsschießen, von welch letzterem eigentlich die Artikel handeln, der näheste Schuß gilt, der Schütze mag einen oder zwei gefehlet haben; es wird aber einem Schützen nicht mehr als 3 Schüsse für sich zu tun erlaubet.
  6. Wenn nun ein Schütze, jedoch nur bei dem Markschießen, alle drei Schüsse fehlet, so ist seine Strafe, daß er auf einem erhabenen Ort sich setzen und aller Vorgänger und Nachfolger Gesundheit trinken muß. Vor diesem war in dem alten Schützenhause deshalb ein gepolstert Bänkchen hinter dem Ofen mit der Überschrift:
    „Dies ist der Fehlersitz, wer sich nicht wohl verhalten,
    Der soll zu seiner Straf im Sommer nicht erkalten;
    Drum wer ein Schütze ist, der nehme sich in acht,
    Sonst ist sein bester Trost: Er wird brav ausgelacht.“
    In dem neuen Schützenhause aber ist in einer Ecke ein ordentlich erhabener Sitz mit einem Himmel angebracht, welcher ordentlich angestrichen ist und diese veränderte Ueberschrift hat:
    „Dieses ist der Ehrensitz für den, der dreimal fehlet,
    Die Schuld aufs Glück schiebt und sich mit Unmut quälet.
    Der beste Rat hierbei ist, daß mans besser macht
    und über den, der folgt, in aller Stille lacht.“ (Bl. 4.)
  7. Derjenige Schütze nun, der seinen dritten Schuß am nächsten zum Centro bringt, als welche dritten Schüsse, wenn sie nahe sind, mit einem Ringel vom Zieler markiert werden, erhält über seinem Geldgewinst einen zinnernen Teller von 1 ½ Pfund, worauf die Worte „Kranzschuß“ gestochen; dahero eines jeden dritter Schuß Kranzschuß genannt wird. Ist nun eines dritter Schuß der allernächste, so erhält er auch die vom Magistrato zum Praenio ausgesetzte Mark dazu, weil solche allemal der näheste Schuß erhält. Der Kranzteller aber wird von der jedesmaligen Einlage von 4 Groschen bestritten.
  8. Sowohl bei dem Mark- als Stifts- und Gesellschaftsschießen kommt von der Einlage jedes Schützen 6 Pfennig in die Schützenkasse und dieser Abtrag heißt „das Schützenrecht“ und ist in der tabellarischen Entscheidung schon mit abgezogen. Gegenwärtig (1768) gibt aber jeder Schütze noch 6 Pfg. zum „Schützenrecht“, um den Aufwand des neuen Schützenhauses mit tragen zu helfen. Daß aber diese Tabella sich mit der Zahl 7 anfange, rühret daher, daß von dem Magistrato eine Verordnung von Alters her vorhanden, daß, wenn bei einem Markschießen nicht 7 Schützen beisammen sein, denselben Tag um die ausgesetzte Mark nicht geschossen werden kann.
  9. Dieses Markschießen muß jeder junge Bürger drei Jahre nach erlangtem Bürgerrecht frequentieren, und wenn solche vorbei, stehet es in eines jeden Belieben, wegzubleiben oder sothane Schießen ferner mitzuhalten.
  10. Wenn nach der Mark aus Stutzen oder gezogenen Scheibenröhren geschossen wird, so darf kein Schütze einen Schuß fehlen; denn sonst gelten die anderen beiden nicht, und wenn er mit einem den Zweck oder Nagel ausgeschossen hätte. Jedoch kann er mit dem 3. Schuß den Kranzteller, aber kein Geld gewinnen. Zu diesen Schüssen aber sind die jungen Bürger nicht oblegieret (verpflichtet).
  11. Zur öffentlichen Nachricht, aus was für einem Gewehr diesen oder jenen Montag um die Mark geschossen wird, hängt denselben Tag an dem Stadtweinkeller eine Tafel, worauf der Prospekt von dem Schießplan und ein Teil von der Stadt aufgemalet und in der einen Ecke eine viereckige Oeffnung angebracht, und der jedesmalig vorkommende, wie bei einem immerwährenden Kalender, heraus geleget wird. (Bl. 5.)

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Außer diesen bürgerlichen Markschießen sind auch

die Kompanie- oder Gesellschaftsschießen,

welche in voriger Zeit in dem sog. Schützenzwinger, welcher eigentlich zum Stahlschießen (Armbrustschießen) nach der Wand designieret gewesen, auch aus Stutzen nach der Scheibe in einer Distanz von 120 Schritten gehalten, nachher aber aus verschiedenen Ursachen und besonders, weil es auf dem vor der Stadt gelegenen Schießplan viel freier und angenehmer ist, hinaus verleget worden, bei welcher ein gewisser Wunsch der Schützenfreunde, Honorationis Conditionis, sich zusammen vereinigt, daß ein jeder in seiner Ordnung sein Gesellschaftsschießen entrichtet, wobei noch folgendes anzumelden:

  1. Bei dem Anfange sothaner Gesellschaftsschießen werden aller Mitglieder Namen auf ein besonderes Täfelchen geschrieben, diese zusammen in eine Pot getan und von dem Schützenboten eines nach dem andern herausgeleset und hernach an eine große schwarze Tafel angehängt, das ein jeder sehen kann, wann ihn die Reihe trifft. Wenn nun einer sein Schießen gegeben, so wird sein Täfel abgenommen und aufgehoben.
  2. Der jedesmalige Spediteur gibt bei seinem Schießen 1 Speziertaler als Hauptgewinn und zwei zinnerne Teller, jeden 1 ½ Pfund schwer, und nach seinem eigenen Belieben ein paar kleine Nebengewinste auf gewisse choisik-(Glück)Schüsse. Auf dem einen Teller wird „Kranzschuß“, auf dem anderen aber „Schützengewinn“ nebst des Spediteurs verzogenen Namen und der Jahreszahl gestochen. (Bl. 6.)
  3. Ein jeder Schütze leget hierbei ebenfalls 4 Gr. ein und 2 Gr. zur Musik auf, insofern der Stadtmusikus bei einem jeden Companieschießen mit 8 Stimmen Concertmusik machet.
  4. Nach einer oben beschriebenen, großen schwarzen Scheibe werden successive von jedem 3 Schüsse nach eines jeden Belieben getan; doch muß die Einlage des Sommers vor 4 und im Herbst vor Michael an vor 3 Uhr nachmittags, der erste Schuß nach Gelegenheit der Einlagezeit vor 5 oder 4 Uhr geschehen.
  5. Die Ursache, warum die Rennscheibe sowohl bei Bürger- als Companieschießen die Höhe und Breite von 3 Ellen habe, ist kein anderer, als daß an diesem sehr freien und hohen Orte der Wind mehrenteils so heftig gehet, daß er in einer solchen Weite des Schießstandes von der Scheibe die Kugel weit vom Centro abtreibet, nach dem, ob der Wind links oder rechts gehet, wobei aber alle Budissinischen Schützen sich mit Rücken des Kornes am Gewehr zu helfen wissen. (Bl. 7.)
  6. Die ordentlichen Schützen haben übrigens zur Regel genommen, daß keiner den Hahn an seiner Büchse aufziehet und sticht, er hat denn sein Gewehr bereits auf den Nagel gelegt, angeschlagen und gezielet, welches diesen großen Nutzen schafft, daß, wenn, wie es wohl zu geschehen pfleget, der Hahn nicht in Ruhe bliebe und unversehens losschlüge, der Schuß nicht verloren gehet und kein Unglück durch Rechts- oder Linksschüsse zu befürchten ist. Wenn aber ein Schütze unten auf dem Brett des Standes den vor das Zündloch vor dem Ausputzer des Gewehrs gelegten Wergpflock, welches, damit zum Zündloche, davor gar viele Schützen, um das Abbrennen von der Pfanne zu vermeiden, zwei dergleichen Löcher haben, kein Pulver herausfalle und den Schuß verändere, geschiehet, hinwegnimmt und damit den Pfannendeckel oder den Stein abreibet, so leget er das Gewehr zwischen zwei Leisten, die also angebracht sind, daß die Mündung des Gewehrs gerade auf die Scheibe und die hinter derselben 20 Ellen breite und 6 Ellen hohe Schießmauer gerichtet ist, schüttet dann Pulver auf die Pfanne, schließt dieselbe und gibt mit einem im Standhäuschen aufgehängten Glöckchen das Zeichen, daß er schießen will, und wiederholet solches, wenn etwa das Gewehr nicht losgehet und er von neuem anschlagen will.
  7. In dieser schwarzen oder Rennscheibe darf kein Schuß gefehlet werden, denn sonst darf der Schütze, der einen Schuß fehlet, weder um den Speciestaler, noch um die Geldgewinste mitschießen, daher heißet diese Scheibe die Renn-, die andere aber, wo nach dem Gelde geschossen wird, die Stichscheibe. Derjenige nun, der seinen Schuß am nächsten dem Centro gebracht, bekommt unbeschadet eines oder zwei Fehler, den Kranzteller, welches daher rühret, weil in alten Zeiten der, der das Beste getan, einen Blumen- oder andern Kranz erhalten und zum Andenken aufheben, hingegen bei den künftigen Schießen einen andern machen lassen müssen.
  8. Jeder Schütze, der geschossen hat, wird von dem sogenannten „Purzler“ durch ein Sprachrohr zur Scheibe hinausgerufen und von dem Schützenboten oder Zieler sowohl auf die Scheibe als in sein Handbuch vermerket. (Bl. 8.)
  9. Wenn alle ihre 3 Schüsse getan, wird die Scheibe abgenommen und die Stichscheibe angehängt. Diese ist nur 2 Ellen im Durchschnitt und weiß mit einem 9 Zoll im Durchschnitt habenden schwarzen Blatte. Hiernach schießen diejenigen, die keinen Fehlschuß bei der schwarzen getan, nur mit 1 Schusse und erhält der Näheste den Speziestaler und die übrigen bis zur Hälfte der Gesellschaft die aus der Einlage gemachten Geldgewinste, besage der Tabella sub C, inmaßen bei den Companieschießen die Einteilung um deswillen anders gemacht wird, weil den Kranzteller der Spenditeur jedes Mal gibet, doch sind die 6 Pf. „Schützenrecht“ von jedem Schützen ebenfalls abgezogen. Kein Schütze aber kann mehr als 2 Speziestaler, solange die ausgelosten Kompanieschießen währen, erhalten; Teller und Nebengewinste aber so viel wie möglich. Sobald ein Mitglied der Gesellschaft den 2. Speziestaler empfängt, so wird er der nächste zum künftigen Gesellschaftsschießen, wenn er auch in der Verlosung der letzte gewesen sei. Ein Fremder, der nur manchmal pro Hospite (als Gast) mitschießt, kann weder den Speziestaler, noch einen Teller, wohl aber das beste Geld gewinnen. Wer aus der Gesellschaft seine 2 Speziestaler erhalten, d.h. abgefunden worden ist, der cediert denselben gegen Empfang des besten Geldes dem Nachfolgenden. (Bl. 9.)
  10. Diejenigen nun, die in der andern Hälfte sind und weiter kein Geld bekommen, oder in der schwarzen oder Rennscheibe oder auch beim Stechen einen Schuß geleistet, legen annoch 1 Gr. ein und schießen um den von dem Spenditeur ausgesetzten zweiten Teller; hieß ehedem der Fehler-Teller, hat itzo aber den Namen „Schützengewinn“ erhalten. Der Näheste bekommt solchen, die anderen aber bis wieder zur Hälfte die aus dem eingelegten Groschen gemachten Geldgewinste à 4, 3, 2 und 1 Groschen.
  11. Die Schüsse, soweit sie Geldgewinste erhalten, werden bei jedem Schießen von zwei Schützenältesten vom Centro aus abgezirkelt und aufgeschrieben und dann in ein besonderes Buch eingetragen dergestalt, daß ein jeder künftig wissen kann, wann und was er bei den mitgehaltenen Schießen gewonnen hat. (Bl. 10.)

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Das Vogelschießen

Um die Bürger im Schießen mit der Armbrust auf größere Weite hin zu üben, hatte der Stadtrat auf dem einst wüsten Platze vor der Taschenpforte eine hohe Vogelstange aufrichten lassen. Sie wird zwar erstmalig im Jahre 1551 erwähnt, doch darf nach den Schützenartikeln von 1577 geschlossen werden, daß schon lange vorher dort eine Vogelstange gestanden hat; denn schon 1487 ist in Bautzen ein Vogel- und Königsschießen abgehalten worden (I. m. 5 Bl. 29). Der Schützenbote hatte den bunt gestrichenen hölzernen Adler zu besorgen, aufzuziehen und die Bolzen oder Zwecke zu besorgen (f. 5 Bl. 1.). Es galt nun, mit dem stumpfen Bolzen den Adler herabzuschießen. Erstaunlich es ist für uns, wie weit und wie sicher manche mit der Armbrust zu schießen verstanden, und welch große Kraft in einem Bolzenschusse lag. Die Hauptgewinste waren der Königsspan, der rechte, der linke Flügel, Krone, Hals, rechter und linker Fuß, Schwanz, Reichsapfel und Zepter. Die anderen Teile hießen Späne. Der Schützenbote hatte die Bolzen und die abgeschossenen Teile des Vogels sammeln zu lassen und letztere dem Schützenältesten zu übergeben, der sie wog, numerierte und dem Schützen zuschrieb. Als dann im Laufe des 18. Jahrhunderts der Platz vor der Taschenpforte zum Festplatze für das Königsschießen ausgestaltet wurde, mußte das Schießen mit der Armbrust wegen der Gefahr der abschwirrenden Bolzen aufgegeben werden. Es wurde im Jahre 1751 mit der Büchse nach dem Vogel geschossen (c. 3). Es scheinen sich dabei manche Schützen unerlaubter Vorteile bedient zu haben, denn die Ältesten warnen: „Wer 2 Kugeln oder mit einem Kettel verbundene Kugeln schießt, wird mit Verlust der Einlage bestraft.“ (c. 3 Bl. 3). Am 29. September 1767 wurden genaue Vorschriften über das „Vogelschießen mit Büchsen“ aufgestellt (c. 3 Bl. 6 – 11). Der Vogelkönig erhielt 20 Taler und eine zinnerne gestochene Schüssel von 1 Taler Wert, durfte auch im folgenden Jahre den ersten Schuß auf den Vogel tun, mußte aber ein silbernes Schild nicht unter 2 Taler 12 Gr. an Wert machen lassen und der Gesellschaft verehren, und das Geld wurde solange bei der Kasse behalten, bis gedachtes Schild übergeben war. Die übrigen Gewinne bestanden in Silber, Zinn, Kupfer, Messing oder in barem Gelde. Unter dem 6. August 1788 wurde ein neues Regulativ für das Vogelschießen vom Kämmerer und Ober-Schützenältesten Adam Christian Gottlob Rietschier abgefaßt (c. 3, Bl. 12 – 15), Original in der Schützenlade). Das 1767 erbaute Schützenhaus nahm den Platz der Vogelstange völlig in Anspruch. Da baute man die Vogelstange in das Schützenhaus selbst ein. Darüber lesen wir Rep. VII f. 6 Blatt 18:

Weil aus Stutzen nach dem Vogel geschossen wird, so diene zur Nachricht, „daß die Vogelstange von unten par Terre an, am Ende des Saales oben durchs Dach hinaus gehet, welche, wenn sie gebraucht wird, mittels einer dazu gefertigten Maschine dergestalt hinauf gewunden wird, daß sie etwas über 30 Ellen über das Dach hervorraget, wo der Vogel an einer eisernen Spille eingeschraubet ist und mit welchem sie vom Dache an, perpenticulariter (senkrecht) in die Höhe gezogen wird, auf dem zweiten Boden aber in ein ordentlich dazu gemachtes Gerüst oder Gestelle einpasset und feste stehet. Außer Gebrauch aber stehet sie unterm Dache bedeckt und trocken. Der Schießstand ist außer dem Haus gegen Mittag nach Mitternacht und Morgen zu im Freien, und in einer Vertiefung, also daß davon der Vogel 80 Ellen entfernt ist, und die Kugeln, die nicht treffen, ins freie Feld gehen.“

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Das Schießen nach der Königsscheibe

Bis zum Jahre 1877 schoß man nur nach der „Weißen Adlerscheibe“ und nach der „Schwarzen Scheibe“, von 1878 an wird auf eine dritte Königsscheibe freihändig geschossen. Hören wir, wie nach dem Berichte der Schützenältesten im Jahre 1768 das Schießen verlief:

„Bei den Schießen, welche Sonntags gar nicht, Freitags und Sonnabends nur nachmittags continuirt (gehalten) werden, ist im Schützenstand von Anfang bis zu Ende ein Standschreiber, wozu gemeiniglich ein Gymnasiast – Rektor Siebilis wählte dazu den gewissenhaftesten Primaner aus (c. 7 Bl. 30) – genommen wird, welcher alle in den Stand tretenden Schützen mit Vor- und Zunamen in alphabetischer Ordnung in ein Buch einträgt und die Schüsse mit den angewiesenen Zeichen markiert. Der Blattschuß wird Purzler genannt, weil in voriger Zeit, wenn ein solcher Schuß geschehen, der Junge, so den Namen der Schützen mit dem Sprachrohre hinausruft, verschiedene Purzelbäume geschossen (f. 6 Bl. 13). Wenn ein Schütze die Scheibe getroffen, kommt der Schützenbote oder Zieler aus seiner vor der Scheibe unter der Erde in einem kleinen Hügel gemauerten Hütte heraus, hängt den Weiser mit der schwarzen oder weißen Seite, nach dem der Schuß in der weißen oder schwarzen Scheibe ist, in des Schusses Loch, schlägt sodann mit drei und nicht mehr Schlägen einen runden Pflock darein, numeriert den Schuß und schreibt den Namen des Schützen, welchen der Purzler hinausgerufen hat, daneben. Ist der Schuß aber ein Blattschuß, so macht der Zieler einige Schwenkungen mit dem Weiser, ist er aber in der Braune, das ist der kleine 4 Zoll vom Centro betragende Zirkel mit der auf der Mauer aufgesteckten Schützenfahne, welche das ordinäre (gewöhnliche) Zeichen ist, daß geschossen wird, die Schwenkungen. Zu mehrerer Verhütung alles Unglücks werden bei diesem Schießen von dem Schießstande bis gegen die Scheibe auf beiden Seiten starke Leinen gezogen, damit niemand in oder über die Schießbahn laufen kann und soll“ (f. 6 Bl. 14).
In den schweren Kriegszeiten mußten die bürgerlichen Schießen eingestellt, zum mindesten konnte das Königsschießen nicht abgehalten werden. In einer Urkunde aus der Schützenlade von 1649 lesen wir:
„Nach dem wegen Krieg und Sterben von anno 1632 inclusive bis anno 1647 exclusive ganzer 15 Jahr (hat) nicht geschossen werden können.“
In diesem Jahre wurden nach langer Unterbrechung auch wieder Schützenälteste verordnet (f. 12 Bl. 4). In den Kriegen Friedrich des Großen war unsere Stadt dermaßen in Mitleidenschaft gezogen, daß in den Jahren 1757 bis 1762 keine Königsschießen abgehalten werden konnten (f. 8 Bl. 2), desgleichen fielen in den Jahren 1813 und 1814 und 1915 bis 1920 der Kriege wegen die Königsschießen aus.

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Land-, Lust- und Stiftsschießen

Wie Bautzen mit den Nachbarstädten im Bunde stand, so schlossen sich auch die Schützenzechen der befreundeten Städte zusammen und veranstalteten gemeinschaftliche Wettbewerbsschießen. Man führte zum Zeichen guter Harmonie, daß eine Stadt der anderen nach der Ordnung des vereinbarten Ranges einen grünen Kranz zusandte. Mit Uebernahme des Kranzes erhielt die Stadt das Recht, zu einem gemeinschaftlichen Landschießen einzuladen. Vom 15. bis 18. Juli 1590 wurde auf der Schießbleiche ein großes Landschießen gehalten, wozu viele Schützen aus Schlesien und Meißen geladen waren (M. S. 1088). Man schoß mit dem Stahl (Armbrust) und stumpfen Bolzen nach drei verschiedenen Vögeln. Der schwarze Vogel brachte für den Abschuß 20 Taler, der blaue Vogel 25 Taler, der gelbe Vogel 30 Taler. Jeder Spahn wurde mit 2 Talern bewertet. Die Einlage betrug für alle drei Vögel 5 Taler 9 Gr. Den Kranz für das nächstjährige Landschießen nahm Görlitz an. Im Jahre 1592 fanden sich 132 fremde Schützen aus 23 Städten zum Wettschießen wieder in Bautzen ein. 1601 schickten die freiwilligen Schützen 5 Mitglieder nach der Stadt Halle, die 156 Städte geladen hatte, ebenso 1602 nach Zittau, von wo die Budissiner 42 Gewinne heimbrachten (Tch. Bl. 5 und 4). Besonders eifrig und erfolgreich beteiligten sich die Bautzener Armbrustschützen an den in Görlitz abgehaltenen Landschießen. Im Jahre 1561 holte Simon Schulze aus Bautzen den grünen Adler herunter und erhielt als Preis 30 Taler, einen kostbaren Kranz samt einer Fahne; 1575 schoß Martin Ulrich den Hauptvogel ab und erhielt 50 Taler; 1592 nahmen unter 97 Fremden auch 18 Bautzener Bürger am Freilandschießen „zu dreien Vögeln“ teil und errangen die höchsten Preise (N. L. M. Bd. 91 S. 44 – 46). Bei dem großen Schießen im Jahre 1616, über dessen äußerst glänzenden Verlauf im ältesten Görlitzer Schützenbuche Bl. 209 bis 261 ausführlich berichtet wird, an dem 84 Städte und viele Angehörige des Ritter- und Herrenstandes sich beteiligten, errang Christof Baust aus Bautzen nächst dem Hauptkleinod den besten Gleichschuß (S. 57). Sicherlich werden, obgleich uns die Urkunden darüber fehlen, diese Schießveranstaltungen in Bautzen ähnlichen Glanz und Gepränge stattgefunden haben. Bei seinem Besuche zum Pfingstschießen im Jahre 1663 hatte der Kurfürst Johann Georg II. von der Stadt den Kranz angenommen und lud die Budissiner durch ein besonderes gnädiges Schreiben zu dem großen Landschießen ein, daß er im folgenden Jahre in Dresden veranstaltete (f. 12 Bl. 5).

Zur Freude und Kurzweil schoß man bisweilen auch auf absonderliche Ziele. So berichten die Chronisten, daß im Jahre 1614 die stattliche Zahl von 142 Bürgerschützen mit Trommel, Pfeifen und Saitenspiel, mit Musketen, Gabeln und brennenden Lunten zum Reichentore hinauszogen, um auf einen über die Felder fortbewegten hölzernen Reiter zu schießen (Rm. 690). 1678 schoß man auf einen holzgeschnitzten Drachen, der durch ein Maienbüschlein bewegt wurde, 1680 auf einen aus Holz geschnitzten Mohren und 1688 auf einen Türken in Lebensgröße (W. 517). Anklänge an die drohende und 1683 glücklich abgewendete Türkengefahr, die damals alle Gemüter bewegte.

Besonders hoch scheinen die Wogen schützenbrüderlicher Schießfreudigkeit in den Jahren 1709 bis 1728 gegangen zu sein, berichten doch die Akten Rep. VII. II. c. 3. 5. 8. 9. 12. 14. 16 fast nur über die in diesen Jahren abgehaltenen Lustschießen, an denen sich oft auch die Frauen der Schützen beteiligten. Erwähnt sei das Zitronenschießen aus dem Jahre 1719 (f. 5 Bl. 45). Auf einer strahlenförmig eingeteilten Scheibe hatte man abwechselnd in jedes Kästchen eine Zitrone oder einen „Quark“ (Käse) gemalt. Was jeder traf, erhielt er als Schießpreis, die besten Schützen außerdem noch „Gänse oder türkische Hühner“. Wir sehen, welch hohen Handelswert damals die Zitronen hatten. 1720 schoß man um einen polnischen Ochsen, 1728 um 2 polnische Ochsen, deren jeder 25 Taler kostete, um Hammel und anderes eßbares Getier (Bl. 49).

Hatte sich ein Mitglied des Rates oder der Kompanie die Königswürde erschossen, so bestand für ihn die Verpflichtung, eine ölgemalte Holzscheibe zu einem Lustschießen zu stiften. Diese Scheiben, obgleich meist keine Meisterwerke der Malkunst, spiegelten doch den Geist der Zeit und manches persönliche Empfundene wieder und erinnerten an manches für das Bautzener Schützenwesen wichtige Ereignis. Für den Geschichtsfreund hätten sie in mancher Hinsicht als Urkunden dienen können. Leider sind sie zum allergrößten Teile vernichtet worden, nur wenige, die vor dem Urteile des Kunstkritikers zu bestehen vermochten, blieben erhalten. Zum Glück fand sich in den Akten noch ein Verzeichnis der alten Scheiben mit näheren Angaben. Es verlohnt sich wohl, auf diese näher einzugehen; doch soll dies im Anhange geschehen, um den Gang der Abhandlung nicht zu unterbrechen.

Einer ganz besonderen Beliebtheit erfreuten sich die Legat- oder Stiftsschießen. Schützenfreunde hatten bei Lebzeiten oder in ihren letzten Willenskundgebungen teils der Schützengesellschaft, teils der Allgemeinheit ansehnliche Kapitalien vermacht, daß von den Zinsen jährlich gewisse Preise zum Verschießen ausgesetzt würden. Die in den Vermächtnissen enthaltenen Schießbestimmungen mussten von den Schützenältesten gewissenhaft eingehalten werden. Die bis in die neueste Zeit gestifteten Legatschießen sind diese:

  1. Licenciat Andreas Ulrikus Hadamar, 50 Taler im Jahre 1660;
  2. Schützenältester und Oberältester der Lohgerber Daniel Schaller, 50 Taler, 1682;
  3. Stadtsyndikus Michael Siegmund Neumann, 50 Taler, 1727;
  4. Schützenältester Kammerprokurator August Magnus Printz, 133 Taler, 1755;
  5. Bürgermeister Dr. Erdmann Gottfr. Schneider aus Semmichau, 200 Taler, 1758;
  6. Schützenältester und Kaufmann Johann Gottfr. Schramm aus Nadelwitz, 200 Taler, 1760;
  7. Schützenältester und Großkaufmann Friedr. Aug. Carus, 150 Taler, 1793;
  8. Oberschützenältester Kämmerer Christian Gotthelf Tietzen, 250 Taler, 1798;
  9. Stadtviertelshauptmann Kaufmann Joh. Gottl. Pannach, 200 Taler, 1817;
  10. Oberamtsadvokat Karl Traugott Fiedler, 250 Taler, 1825;
  11. Stadtrat Zimmermeister Joh. Traugott Zwiefel, 300 Taler, 1862;
  12. Schützenältester Eisenhammerbesitzer J. S. F. Petzold, 175 Taler, 1863;
  13. der Schützenverein, der Freihandschützenverein, das Unif. Schützenkorps und  Schützenfreunde zum König-Albert-Jubileum 1.000 Mk., 1898;
  14. Fanny und Elise Wannack zum Gedächtnis ihres Vaters, des Kaufmanns Johann Wannack, 1000 Mk., 1907;
  15. Drei Würdenträger des Unif. Schützenkorps stifteten 1925 das Dreikönigsschießen.
Die Stiftungsurkunden befinden sich teils in der Schützenlade, teils bei den Ratsakten. Näheres über ihre Bestimmungen berichten das „Goldene Buch der Stadt Bautzen“ von Bürgermeister Dr. Zahn, sowie Reymann, Geschichte der Stadt Bautzen, Seite 690 – 694. Außerdem wurden dem Schützenverein, dem Freihandschützenverein und dem Uniformierten Schützenkorps eine Anzahl gleicher Stiftungen zuteil. Die Inflation der Nachkriegszeit hat leider auch diese Bestände des Schützenvermögens zum größten Teile zerrinnen lassen.

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Die alte Schießbleiche und der Schützenauszug

Den Höhepunkt bürgerlicher Belustigung bildete zu einer Zeit, wo Ausflüge nach unserem schönen Berglande oder Lustreisen durch die Länder unbekannte Freuden waren, das jährliche privilegierte große Bürgerschießen. Privilegiert heißt es deshalb, weil in alter Zeit gewisse Fürsten die jeweiligen Scheibenkönige mit wichtigen „Begnadigungen begabt hatten“. Es sollte den Bürgern Gelegenheit geben, die bei den Uebungen erworbene Geschicklichkeit zu zeigen, Ehren zu erwerben und reiche Gewinne an zinnernem und silbernem Hausrat der lieben Gattin heimzubringen, damit sie umsomehr ihren Eheherrn zum löblichen Eifer ansporne. Der steten Feuersgefahr und der allgemeinen Unsicherheit wegen durften sich die Familien nicht gar weit von der Stadt entfernen. Man wählte zum Festplatze deshalb die Indingersche Garnbleiche, das waren die Spreewiesen vor dem Gerbertore, wo jetzt die Papierfabrik und die Gasanstalt stehen. Die um 1500 schon dort vorhandene Papiermühle des reichen Velten Ochsel schränkte den Festplatz nur unwesentlich ein, und durch Absprengen der Felsen verbreiterten die Bürger den Zugang durch die Spreegasse dorthin genügend, den die Gerberwalke oder Lohnmühle an einer Stelle etwas behinderte. (f. 12) Auf diesem Bleichplane hatte die Schützenbrüderschaft ein hölzernes Schützenhaus, ein Standhäuschen und nach dem kahlen Schießberge zu einen Scheibenstand anlegen lassen. Im Jahre 1552 ist zum ersten Male die Rede davon (f. 6), aber sicher ist der Platz schon lange vorher als Festwiese, oder, wie er allgemein hieß, als Schießbleiche benutzt worden.

Zu Pfingsten, wenn die Natur am lieblichsten erblüht war, belebte sich der Platz. Laubhütten und Zelte wurden aufgebaut, das Schießhaus aufgeschlossen und hergerichtet. Große Tonnen guten Bieres ließ der Magistrat durch die dazu bestimmten Brauherrn herbeischaffen, fahrende Leute fanden sich mit ihren Karren ein, Fahnenstangen mit Laubgewinden wurden aufgerichtet und droben auf dem Berge der bunte hölzerne Adler vom Schützenboten auf die Fahnenstange hinaufgezogen (f. 10 Bl. 2). Am Pfingstsonntage, nach beendetem Mittagsgottesdienste, rasselte Trommelschlag, die „Vergatterung“, durch die sonst stillen Gassen und erweckte in allen Häusern reges Leben. Die Bürger aus dem Stadtviertel, das nach der Reihe in dem betreffenden Jahre zum Auszug und Mitschießen befohlen war, die jungen Bürger aus dem Harnisch, die verordneten Meister der Innungen, allen voran die Schützenbrüderschaft, zusammen gegen 200 Mann, stellten sich mit ihren Fahnen auf dem Fleischmarkte hinter dem Rathause in Parade auf, um die Bürgerstadtfahne abzuholen. Unterdessen fuhren in den geschmückten Ratskutschen, einen Ratsdiener in blaugelber Tracht auf dem Kutscherbocke, die Scheibenkönige und -marschälle des Vorjahres, die Ratsherren und Schützenältesten zum Hause des Oberältesten, wo eine blaugelbe Fahne mit dem Stadtwappen ausgesteckt war. Hier wurde jeder Angekommene mit Pauken und Trompeten empfangen und mit Wein und Konfekt „regalieret“. Der Schützenbote schmückte sodann die Würdenträger mit den silbernen Schildern, die frühere Schützenkönige gestiftet hatten. Am Tage zuvor hatte er bereits die Schützenlade, die Adlerscheibe und die Schwarze Scheibe zum Hause des Oberschützenältesten gebracht. Jetzt nahte der Zug der Bürgerschützen mit Musik und stellte sich vor dem Hause solange in Parade auf, bis die Würdenträger sich eingereiht hatten. Der Stadtmusik folgte zunächst der Harnisch, dann trugen Ratsdiener die beiden neuen Scheiben, zwischen ihnen schritt der Schützenbote mit der Lade. Dann folgten die Könige und Marschälle, von den Ratsherren und Schützenältesten begleitet, sodann die Schützenbrüderschaft und das Stadtviertel mit seiner Fahne. Die ledigen Ratskutschen beschlossen den Zug. Mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen zogen die Bürger in ihren Festgewändern mit Armbrust oder Muskete, erfüllt von dem Bewußtsein, der guten Stadt und des Rechtes Schützer zu sein, geführt von den Stadtoffizieren zuerst ums Rathaus, dann durch das finstere Schülertor und die Gerbergasse hinab zur Schießbleiche, umströmt und umjubelt von der festlich gestimmten Menge, die aus Stadt und Dorf dichtgedrängt den Weg umsäumte. Auf der Schießwiese von Pauken und Trompeten empfangen, salutierten sie die Fahnen und hörten dann, in einem Kreis zusammengezogen bei präsentierten Gewehren, das Verlesen der Schützenartikel an. Die gewesenen Schützenkönige und –marschälle bewirteten hierauf die Schützen reichlich mit Bier und wurden selbst vom Rate mit Wein, Bier und Gebäck bewirtet. Danach taten sie die ersten Schüsse nach den unterdes aufgestellten Scheiben (f. 6 Bl. 16 und nach Curiosa Saxoniae 47. Heft Bl. 208). Am Montag begann das eigentliche Schießen. Nach jedem Schusse sprang der Zieler in buntem Gewande aus seiner Deckung hervor und zeigte durch Sprünge und Beinschwenken die Güte des Treffers an, bis gleich darauf der Donner der Böller den guten Schuß der Stadt auf der Höhe verkündete, an deren geschlossenem Mauergürtel er entlangrollte. Und droben auf dem Schießberge schwirrten die Bolzen zum Adler hinauf und rissen einen Span nach dem andern herab. Unmengen schäumenden Bieres rannen durch durstige Bürgerkehlen und die Frauen gaben an Trinkfreudigkeit ihren Eheherren wenig nach. Speisen aller Art gab es in reicher Fülle. Die Würfel rollten um süßes Backwerk. Um die fahrenden Leute, die in buntem Flitterstaat über das gespannte Seil liefen, tolle Sprünge und derbe Späße vollführten, um den Medizinmann und Ausschreier staute sich die schaulustige Menge. Kurzweilige Spiele erfreuten Kinder und Erwachsene. Die Wogen der Freude stiegen immer höher, jeder genoß sie in vollen Zügen; denn es gab ja nur eine Schießbleiche im ganzen Jahre. Waren die Festtage verrauscht und war der Rumpf des Adlers von der Vogelstange herabgeholt, so bewerteten die Schützenältesten sorgsam und getreulich die einzelnen Schüsse. Die neuen Könige und Marschälle, die den „Nagel auf den Kopf“ getroffen hatten, wiesen sie in ihre Würden ein und schmückten sie mit den köstlichen Kleinodien. Den schlechtesten Schützen aber, dessen Blei am weitesten von der Zwecke saß, begabten sie wohl mit einem borstigen Ferklein – so hatte er auch noch „Schwein“ gehabt, worauf ja beim Schießen immer viel ankommt. Solange man noch kein geräumiges Schießhaus hatte, beendete ein in dem Brauhofe des Bierspenders abgehaltenes Mahl die Festfreude. Dann löste sich alles in eitel Wohlgefallen auf (f. 6 Bl. 13).

Als dann im Jahre 1768 das neue Schützenhaus auf dem Berge vollendet war und große Räume zur Verfügung standen, wurden auch die Feierlichkeiten noch um vieles ausgestaltet. Ueber die Einführung der neuen Schützenkönige und Marschälle am letzten Sonntage des großen Bürgerschießens berichten die Ratsakten folgendes: „Ehe die Austeilung der Gewinne geschieht, sammeln sich die Collegii Magistrati auf dem Schützenhause. Die Scheibenkönige und Marschälle werden in der Schützenältesten Stube mit den Schützenkleinodien geziert, sodann unter Vortritt des Oberschützenältesten und in Begleitung des Schützenältesten, wobei ein Mädchen Blumen verstreuet, aus sotaner Stube heraus und mit Rührung des Spiels um einen Teil des Schützenhauses herum zur vorderen Tür herein- und oben auf den Saal geführt und mit Trompeten und Freuden empfangen (f. 6. 15). Auf dem Saal tritt der Oberschützenälteste der geöffneten Tür der Stube, worin der Magistrat versammelt ist, gegenüber und hält nach Beschaffenheit der Zeit und Umstände eine Rede, teilt bei Verlesung der Könige und Marschälle und gewinnenden Schützen das vor ihm stehende Zinn aus, führt sodann die Könige und Marschälle in Begleitung seiner Kollegen in der Herren Stube, präsentiert sie dem Rate bei wiederum zugemachter Türe, ersuchet, denselben die Emolumente (Rechte) angedeihen zu lassen, welche ihre Vorgänger genossen, und setzet sich, nachdem der Consul regens (Bürgermeister) eine kleine Rede gehalten, mit seinem Gefolge an den bereiteten Tisch, woran die Anwesenden mit Backwerk und Wein traktiert, auch wenn das Glück, den nähesten Schuß zu erlangen, einen Kauf- oder Handesmann trifft, überreicht der Aelteste der Innung nach alter Gewohnheit einen Präsentwein, 8 - 12 Kannen, wobei die Höchste und Hohe Gesundheit (Landesherr und Magistrat) unter Trompeten- und Paukenschall getrunken wird. Wenn die Gesellschaft auseinander sich begeben, erhalten die Könige und Marschälle und der Biereigner, der statt eins in Brauurbar (Braurecht) angesessenen Königs das steuerfreie Bier brauet (der Bierkönig), von dem Stadtmusiko eine Nachtmusik“ (f. 6 Bl. 16).

Im Jahre 1681 verlegte der Magistrat das große Bürgerschießen auf die längsten Tage und die des sommerlichsten Wetters. Es begann am Johannistage, am 24. Juni, und endete am Tage Mariä Heimsuchung, am 2. Juli. Diese beiden Tage wurden im Jahre 1831 als Kirchenfeiertage aufgehoben und der Beginn des Festes auf den ersten Sonntag nach Johanni verlegt (c. 3 Bl. 5).

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